So verlauft ihr euch richtig

Veröffentlicht von Fee am

Schon als wir um die Kurve biegen, weiß ich, dass das hier nicht der richtige Weg sein kann. Irgendwas in mir sträubt sich dagegen, hier entlang zu gehen. Langsam müsste der Weg doch wieder bergab führen!

Ziegen, Hitze und pfeifende Murmeltiere

Wir sind in den Bergen, genauer: in den italienischen Alpen oberhalb von Domodossola, und wir finden den Weg zurück nicht mehr. Ein Alptraum, vielleicht DER Alptraum eines jeden Wanderers, nur noch übertroffen von Gewitter und Nebel. Beides haben wir glücklicherweise nicht, es ist August und die Sonne scheint, es ist regelrecht heiß hier oben zwischen Wasserfall, Ziegen und pfeifenden Murmeltieren.

„Komm, nur noch um diese Kurve“, sagt Tim. Und dann ich: „Lass uns noch über den Wasserfall klettern und dann entscheiden wir!“ Gefühlte zwei Stunden und ein völlig durchnässtes T-Shirt später sind wir uns sicher: Hier geht’s nicht lang.

Die Kühe mögen mich nicht. Nur eins der Kälbchen läuft uns hinterher, als wir weitergehen.

Also zurück. Wieder über den Wasserfall, wieder werden wir nass, wieder freuen wir uns, dass es wenigstens warm ist. Und dunkel wird es so bald auch noch nicht. Trotzdem wollen wir nach hartem Aufstieg und fünf Stunden Wanderung so langsam mal den Abstieg ins Tal finden. Unter uns rennt pfeifend ein Murmeltier in seinen Bau. Doch ein Greifvogel ist nicht zu sehen, überhaupt sehen wir wenig außer Wasserfall, Schotter und Sonne auf trockenem Gras. Das Murmeltier wird zum Präriehund und ich fühle mich ein bisschen wie im Wilden Westen.

Den Berg hinab – und leider auch direkt wieder hinauf

Die Hitze setzt uns langsam zu. Außerdem gilt unsere ganze Konzentration dem Versuch, nicht panisch zu werden. Klappt so halb. Völlig genervt steigen wir den ganzen Hügel, auf dessen Gipfel wir zuletzt gesessen und Murmeltiere beobachtet haben, wieder hinauf.

Oben treffen wir ein Pärchen wieder, mit dem wir uns schon zu Beginn unterhalten haben. Sie wirkten die ganze Zeit über so professionell, dass wir in ihnen unsere Retter sehen. In meinen Augen tragen sie so ein Leuchten um sich, wie irgendwelche Bibelfiguren auf diesen kleinen Ikonenbildchen.

Ein echtes Edelweiß! In der Schweiz und in den italienischen Alpen ist die Pflanze aber auch gar nicht so selten.

„Hallo zum dritten Mal“, sagen wir lachend, und „wollt ihr auch wieder ins Tal?“, was eigentlich klar ist, beide haben null Gepäck bei sich. Wir plaudern kurz, dann sagen wir, dass wir uns verlaufen haben. Fühlt sich beschissen an. Gleichzeitig aber auch gut, weil um Hilfe bitten bedeutet, dass uns schon so gut wie geholfen ist. Glauben wir jedenfalls.

Eine Karte, vier Ratlose

Doch weder Herr noch Frau Profiwanderer kennen die Wege hier. Sie sind zunächst genauso verwirrt wie wir. Zu viert studieren wir Karten, blicken nach Westen, Norden, Osten, Süden. Nach Süden müsste es eigentlich gehen, doch Wegweiser oder Markierungen sind hier Fehlanzeige. Bis Frau Wanderprofi einige hundert Meter vorläuft – und dann tatsächlich einen kleinen Holzstab mit noch kleinerem Pfeil drauf findet. Auf dem steht: Riale. Da müssen wir hin, Start- und Zielpunkt, ein Wort wie eine Oase!

Wir sind superglücklich, endlich den richtigen Weg gefunden zu haben. Doch damit liegt der schwierigste Teil vor uns. Wir sind entkräftet und genervt und der Abstieg ist steil, steiler als erwartet, vor allem wenn man bedenkt, dass der Wanderweg auch für Kinder geeignet sein soll. Frau Wanderprofi rutscht einmal aus, Tim fällt hin, es ist anstrengend wie Sau! Beim Blick ins Tal haben wir kaum das Gefühl, dem Plateau unter uns näherzukommen.

Selfie vorm Wasserfall – als noch alles gut war.

Barfuß ist das neue Schwarz

Für den ganzen Abstieg brauchen wir schlussendlich noch mehr als eine Stunde. Als wir endlich am Auto sind, kann ich nichts mehr außer endlich die Wanderschuhe auszuziehen. Ich laufe ein paar Schritte über die Alpenwiese, das vor Lebendigkeit strotzende Gras gibt mir etwas Lebensenergie zurück. Barfuß, das beste Placebo, das neue Schwarz, nie wieder Schuhe. Jedenfalls für den Moment nicht.

Jetzt sind wir happy. Der Weg nach Hause dauert mit dem Auto noch einmal eine Stunde, doch die ist jetzt fast willkommen. Nächstes Mal, das schwören wir uns, nehmen wir eine Wanderkarte in kleinerem Maßstab mit. 1:1, oder so.

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