154 Kilometer Highlands, 2 Männer, unzählige Mücken – Teil 1

Veröffentlicht von Schrat am

Weite Heide, sanft geschwungene Berge, tiefe, graue Lochs, Hochlandrinder, Scotch, Wind und Regen: der West Highland Way. 154 Kilometer zu Fuß mit allem auf Rücken, was man täglich braucht. Wie sich das anfühlt… Der West Highland Way verläuft zwar „nur“ in den südlichen Highlands, doch alle Klischees des schottischen Hochlands werden dort schon erfüllt. Besonders beeindruckend ist dieser Weg, weil er aus den Lowlands bei Glasgow allmählich immer weiter in die rauen, kargeren Highlands führt, am Fuße des Ben Nevis entlang, bis nach Fort William.

Ende August, Anfang September 2016 sind Christoph, ein Freund aus Schultagen, und ich die 154 Kilometer gelaufen, marschiert, staunend gestolpert und auf dem Zahnfleisch gegangen. Da der Weg sehr lang ist, wird auch der Bericht lang. Hier lest ihr Teil 1.

Kurzfassung oder „Aaaaah, sie krabbeln mir in die Augen“

Nie nie wieder im August/September in die Highlands. Nie wieder. Ehe ich die atemberaubende Landschaft, die fast beängstigende Kargheit, die wundervolle Wegführung schildere, diese eindringliche Warnung: Besucht niemals im August oder Anfang September die Highlands.

Zwar bieten sich diese Monate angesichts recht stabiler Wetterlagen und freierer Wege, da Nebensaison, an – doch sind sie wiederum die Hauptsaison der Midges, der Highland-Mücken, den wahren Herrschern der Heiden und Moore Schottlands.

Diese Insekten sind so klein und wuselig, dass sie durch viele gewöhnliche

Das ist Christoph. Er trägt den einzig wirksamen Schutz gegen Midges in Nase, Mund, Ohren und Augen.

Das ist Christoph. Er trägt den einzig wirksamen Schutz gegen Midges in Nase, Mund, Ohren und Augen.

Mückennetze einfach hindurch schlüpfen. Zudem tauchen sie nur in Schwärmen zu Hunderttausenden auf, krabbeln in jede Körperöffnung und greifen sofort jeden unbedeckten Fleck Haut an. Ja, auch wenn man nur mal eben hinterm Baum pinkeln möchte.

Die Stiche jucken nicht wahnsinnig doll und sind verkraftbar, auch wenn man echt zerhauen aussieht nach einem Tag mit Midges. In den Wahnsinn treibt den Highland-Wanderer, dass sie 1. einfach überall sind und es 2. kein Entkommen gibt. Kein handelsübliches Mittel hält sie zuverlässig fern. Regen und Wind vertreiben sie allerdings sofort. Pubs haben teilweise Ventilatoren außen über ihre Türen gehängt, damit sie die Midges fortblasen. Und das klappt wunderbar.

Fast wie ausgesetzt in der Wildnis

Doch genug der Warnung: Fast noch städtisch beginnt er in einem Vorort von Glasgow, die Wege ähnlich einer großen Parkanlage. Doch mit jedem Kilometer, jeder Wegbiegung kommen wir den Highlands näher – und damit auch dem Gefühl, ausgesetzt in der Wildnis zu sein. Und das, obwohl der West Highland Way einer der meistbesuchten Fernwanderwege der Welt ist.

Mit der stilisierten Distel ist der gesamte Weg sehr gut ausgezeichnet.

Für Einsteiger ist der Weg großartig: Er ist gut ausgeschildert und je nach Kondition und Laune lassen sich die Übernachtungen planen – wild in der Heide, auf Campingplätzen und im Notfall wären auch Hotels da. Zudem gibt es entlang der Strecke genügend Orte, an denen Wanderer ihre Vorräte aufstocken können.

Das Gepäck für den West Highland Way. Mit Vorräten und Wasser kamen gut und gern 25 Kilo dabei rum. Aber: Nicht ein Ausrüstungsstück blieb ungenutzt.

Das Gepäck für den West Highland Way. Mit Vorräten und Wasser kamen gut und gern 25 Kilo dabei rum. Aber: Nicht ein Ausrüstungsstück blieb ungenutzt.
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Das Gepäck für den West Highland Way. Mit Vorräten und Wasser kamen gut und gern 25 Kilo dabei rum. Aber: Nicht ein Ausrüstungsstück blieb ungenutzt.

Mehr zu Bildern lest ihr hier.

Die lange Fassung, fast so lang wie der Weg:

Aufbruch zur ersten Etappe.

Tag 0: Ein Hinweis: Besorgt euch wichtige Vorräte und Equipment noch in Glasgow. Der Vorort Milngavie hat einen großen Supermarkt für Lebensmittel, aber nur einen kleinen Eisenwarenladen für Camping-Kram und dergleichen. Und wie es für so kleine Läden üblich ist, schließt er früh. Wir sind – ohne Gaskartusche für den Kocher – an einem Samstag angereist, zu spät am Laden gewesen und mussten am Sonntag dann ohne Kartusche losgelaufen. Die ersten Tage blieb die Küche also kalt.

Der Campingplatz liegt etwas außerhalb von Milngavie, auf die Gesamtstrecke kommen also noch rund drei Kilometer drauf, wenn ihr am nächsten Morgen zum Start des West Highland Ways aufbrecht.

Tag 1: Diese erste Etappe könntet ihr euch sparen. Solltet ihr also mit dem

Der eigenen Angaben nach älteste Pub Schottlands.

Gedanken spielen, ebenfalls den West Highland Way zu beschreiten, dann startet nicht in Milngavie. Mit dem Bus könnt ihr euch direkt bis nach Drymen (Nicht wie „dry men“ gesprochen, wir wünschen viel Spaß mit der Aussprache schottischer Eigennamen) begeben. Dort könnt ihr dann auch gleich im – den eigenen Angaben nach – ältesten Pub Schottlands einen Pint trinken.

Eine Wiese hinter einer Scheune – das ist der Campingplatz in Drymen.

Der Weg von Milngavie nach Drymen sieht über weite Teile der Strecke noch nach Park aus, erst mal muss man aus der Stadt raus. Zudem verläuft er noch recht nahe an Straßen. Das „Lost in Nature“-Gefühl stellt sich da nicht so recht ein. Dafür hatten wir aber eine sehr nette Ranger-Begegnung, als wir endlich die Straßen hinter uns gelassen haben: Ranger warten auf Wanderer, um ihnen Ratschläge mitzugeben. Erstens: Immer ausreichend trinken. Zweitens: Um ausreichend zu trinken, muss man sich in den Highlands nicht abschleppen. Das Wasser aus den vielen Bächen und kleinen Flüssen der Highlands ist absolut trinkbar, auch ohne Filter. Aber(!): Trinkt aus möglichst schnell fließenden Gewässern. Stehende Gewässer sind Heimat von Krankheitserregern und sonstigem Kroppzeug.

Da wir an einem Sonntag und so stadtnah wandern, treffen wir sehr, sehr, sehr viele Menschen. Die südlichen Highlands, beziehungsweise nördlichen Lowlands, sind bei den Schotten sehr beliebt, sei es für eine Radtour, zum Wandern oder für einen Ausflug mit der ganzen Familie. Doch sie sind sehr herzlich und kennen die vielen (vor allem deutschen, österreichischen und schweizer) Wanderer auf „ihrem“ West Highland Way.

Die erste Ahnung von Highlands hinter Milngavie.

Am Ziel in Drymen treffen wir die ersten nun bekannten Gesichter. Das passiert uns immer wieder. Und zu diesem Zeitpunkt stört es mich, dass wir schon am ersten Abend die Leute treffen, die schon in Milngavie auf demselben Platz gecampt haben wie wir. Ich will doch Abgeschiedenheit, Ruhe, Einsamkeit.

Nun gut, machste nix: Am Morgen weckt uns allesamt der Hahn des Hofes mitsamt seiner Hennen-Gang, die einmal wie zur Visite zwischen den Zelten spazieren. Offenbar alles in Ordnung, der Hahn lässt uns ziehen.

Tag 2: Der Tag für unsere zweite Etappe begrüßt uns schön schottisch: Wir stapfen durch dicke graue Nebelsuppe, es nieselt und der Himmel ist grau und wolkenverhangen. Doch der Weg macht einiges wett: Wir lassen Straßen hinter uns, gehen in die Wälder und im Laufe des Tages klart es auf.
Am Conic Hill, dem ersten und einem der wenigen Anstiege auf dem Weg, stehen wir vor der Wahl, bequem drumherum zu gehen oder den Hügel zu besteigen.

Wir entscheiden uns für die anstrengende Variante. Und es ist die richtige Wahl. Keuchend, stöhnend, mit schmerzenden Schultern von den schweren Rucksäcken entdecken wir endlich, wofür wir gekommen sind: das erste richtige Loch, Loch Lomond, umgeben von Wäldern, die Hügel am Horizont, der Wind um unsere Nasen. Und da ist es: das Highland-Gefühl. Mit der lila blühenden Heide, den Hügeln und Wäldern zeigt sich die Verheißung auf Wildnis und Menschenleere.

Der Blick vom Conic Hill. Am zweiten Tag, nach einem fordernden Anstieg, blickt man hier das erste Mal auf eines der Lochs.

Der Blick vom Conic Hill. Am zweiten Tag, nach einem fordernden Anstieg, blickt man hier das erste Mal auf eines der Lochs.

Nach einer Mittagspause in Balmaha am Ostufer von Loch Lomond (Vorräte aufstocken! Gönnt euch den Kaffee dort!), ziehen wir weiter zum Campingplatz nach Cashel. Denn entlang des südlichen Teils von Loch Lomond ist die Natur als Nationalpark besonders geschützt, wildes Campieren ist verboten. Schon nach wenigen hundert Metern nach Balmaha ist mir aber auch klar, warum: Es sieht wie ein Urwald aus, knorrige Eichen, Lichtungen voller hoher Farne, alles direkt am Ufer des Sees.

Am Platz in Cashel angekommen, sehen wir keines der bekannten Gesichter. Offenbar sind wir Schluffis und die anderen fitter und noch weiter gezogen. Leider, denke ich jetzt dann doch.

Denn inmitten all der Natur, der Gesellschaft von Christoph und mit Highland-Gefühl, ist es doch ganz schön, Menschen wiederzutreffen. Aber offenbar haben die meisten es bis zum nächsten Platz geschafft, fünf Kilometer weiter. Wir müssen halten, zu schwer unser Gepäck, zu müde die Füße.

Bei solch einem Anblick wird einem klar, warum das Lied von Runrig über Loch Lomond so voller Kitsch und Pathos ist.


Doch so idyllisch wie auf diesem Bild bleibt es nicht. Schottland hat sich vorgenommen uns zu zeigen, wie richtig schottisches Wetter aussehen kann. Mehr in Teil 2!

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