Vom Scheitern in den Bergen

Veröffentlicht von Schrat am

Wir haben es nicht geschafft. In sieben Tagen wollten wir den Großglockner in Österreich umrunden. Wir sind gescheitert, wie so richtige Anfänger. Woran lag das genau?

Da ich diese Tour ausgesucht und weitgehend geplant habe, habe ich mir den Kopf über die Gründe für unser Scheitern zerbrochen. Da sind mir und uns anscheinend Fehler unterlaufen, die wir nicht wiederholen wollen. Also, was ist schief gelaufen?

Ich habe uns überschätzt

So angenehm zu gehen war der Weg selten.

Ganz klar: Ich habe unsere Kondition und Kraft überschätzt. Auch wenn mir selbst zwar Panikattacken wie bei Leni erspart blieben, so bin ich selbst doch an die Grenze meiner Kräfte gekommen – und das schon am ersten Tag. Der Weg war vier Kilometer länger als gedacht, die dünnere Luft, das Gepäck mit Klamotten, Hundefutter, anderem Kram für den Hund, Notfallausrüstung wie Grödel: All das zusammen war einfach zu viel.

Zwar habe ich etwas mehr Erfahrung als Leni was Klettern angeht und bin generell etwas kräftiger. Doch auf den letzten paar hundert Metern dachte ich, ich müsste mich vor Anstrengung übergeben.

Glocknerrunde (1)

Glocknerrunde (1)
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Hier war noch alles gut - der härteste Aufstieg stand uns noch bevor.

Hinzu kommt die unterschätzte Tour

Felsbrocken, Schnee, steil, Wind. Alles ziemlich übel.

Alpine Wege sind wir zuvor bereits mehrfach gelaufen, auch solche, die von Wanderführern und Touren-Apps wie komoot als „schwierig“ angegeben werden. Doch die alpinen Wege, die in den Beschreibungen des Nationalparks Hohe Tauern und des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) als Wanderwege bezeichnet wurden, waren eine Nummer härter. Eine deutliche Nummer härter. Künftig werde ich beim Lesen von Tourenbeschreibungen immer im Hinterkopf behalten, wer sie verfasst hat. Fitte, bergerfahrene Leute beschreiben harte Wege anders als Anfänger.

Etwas in die Irre geführt hat mich zudem die Information des Nationalparks, dass die Tour auch mit wandererfahrenen Kindern ab zwölf Jahren gegangen werden könnte. Wir haben zwar keine Kinder, aber das würde ich nicht machen. Es sei denn, die Kinder haben ihr halbes Leben in hochalpinem Gelände zugebracht oder man kann sie echt wenig leiden.

Am ersten Tag hat uns zudem gekillt, dass wir mit Mio einen Umweg gehen mussten. Die kürzere, zwölf Kilometer lange Etappe führte durch steiles, seilversichertes Gelände und über eine Eisenleiter. Die wären wir mit dem Hund nicht hinaufgekommen, also haben wir den „kleinen“ Umweg über „sanfter ansteigendes Gelände“ genommen – Zitat Wegbeschreibung des ÖAV. Und plötzlich war unsere Etappe 16 Kilometer lang und immer noch sehr steil, felsig und mit Kraxelpassagen durchsetzt. Am Ende unserer Kräfte haben wir den Hund an dieser Stelle von der Leine losgemacht, denn:

Der Hund war unfassbar anstrengend

Mio ist generell kein leichter Hund, der still und friedlich neben einem herläuft, während man wandert. Er zieht nach vorn, will alles erkunden, entdeckt Murmeltiere und will sie jagen. Und wenn er müde wird, verliert er jede Lust am laufen und zieht mit Schmackes dauerhaft nach vorn – mutmaßlich zum Ziel, schließlich laufen wir da ja hin.

Im flachen Gelände hopst Mio noch selbständig über die Felsen. Wird es steiler und bei Schnee weiß auch er manchmal nicht weiter.

Generell ist das nicht schlimm. Wir wissen, wie er drauf ist und sind darauf eingestellt. Doch auf dieser Route musste ich nicht nur auf jeden meiner Schritte achten, sondern auch den Hund über die zahlreichen schwierigen Passagen führen. Immer wieder hockte er plötzlich etwas weiter über mir und wimmerte, weil er einfach nicht weiter wusste. Wegmarkierungen kann er schließlich nicht lesen. Und diesen Hund auch noch teilweise Stein für Stein über den Weg zu führen kostete über die vielen Stunden sehr viel Kraft, Konzentration und Nerven.

Wenn ich Mio nicht gerade mit der Hand Meter für Meter über schwierige Passagen dirigiert habe, hatte ich seine Leine am Hüftgurt des Rucksacks befestigt. Das hat sich bewährt und schont die Kraft in Armen und Rumpf. Doch da der Hund immer wieder auch kräftig an der Leine zieht, ist das in steilem Gelände stets auch eine Herausforderung für die Balance und erfordert Umsicht. Sonst ruckt der kleine Hund ausgerechnet in dem Moment an der Leine, wenn man eh gerade mit dem eigenen Gleichgewicht hadert und zack – liegt man auf der Nase oder kullert den Berghang runter. Zumal an diesem steilen Hang noch stark böiger Wind hinzu kam.

Weitere Schwierigkeit: das Wetter

Diese Lektion haben wir gelernt.

Wenn uns all die vorherigen Punkte nicht schon fertig gemacht hätten, spätestens das Wetter hätte es geschafft. Der erste Tag war zwar noch freundlich, doch höher an den Berghängen und am Kapruner Törl war es schon bitterkalt und windig.

Am darauffolgenden Tag war vom Bergpanorama aber dann gar nichts mehr zu sehen, die Sicht betrug meist weniger als 30 Meter. Wir wollten es trotzdem versuchen, mit müden Knochen, zum Kalser Tauernhaus – die leichtere Variante der zweiten Etappe der Glocknerrunde. Eigentlich führt der Weg über den Silesia-Höhenweg, der sogar vom ÖAV als anspruchsvoll beschrieben wird.

Im Hotel fragte uns Edit von der Rezeption bei der Abreise, ob wir wirklich losgehen wollen, einige weitere Wanderer auf der Glocknerrunde hätten sich bereits entschieden, den Tag im Hotel zu verbringen.

Nach 100 Metern durch die graue Einöde der wolkenverhangenen Berge hat dann die Vernunft bei uns Einzug gehalten. Bei so schlechter Sicht und möglichem Schneefall, wir dazu angeschlagen und mit Hund; Noch höher zu steigen wäre verantwortungslos und gefährlich gewesen. Also sind wir umgekehrt und haben den Tag im Berghotel Rudolfshütte verbracht.

Das war die richtige Entscheidung

Nicht nur, weil das Berghotel eine fantastische Sauna mit Bergblick, unglaublich freundliches Personal und viel, viel Gemütlichkeit hat. Sondern auch, weil das Wetter sich immer weiter verschlechterte. Im Laufe der Tage ist die Schneefallgrenze von etwa 2.600 Metern an unserem ersten Tag auf rund 1.600 Meter gesunken. Schnee überall auf dem Weg.

Ein Moment, in dem die Sicht auf 2.300 Metern am Berghotel Rudolfshütte noch recht gut war.

Und dann?

Am Tag darauf sind wir mit der Seilbahn hinab ins Tal gefahren und mit Bus und Bahn zurück zu unserem Auto getingelt. Wir haben aufgegeben. Mit der Entscheidung waren wir nicht allein: In der Seilbahn haben wir zwei Männer getroffen, die ebenfalls in den Sack gehauen haben. Das Wetter, sagten sie.

Da die Hotels und Hütten auf der Tour aber bereits bezahlt waren und der Nationalpark Hohe Tauern ein sehr praktisches Gutschein-System hat, haben wir entschieden, noch ein paar Tage rund um den Großglockner zu verbringen. Allerdings in geringerer Höhe.

Dieses Gutschein-System ist nur zu empfehlen. Alle Gutscheine für jede Übernachtung können bei allen Partner-Unterkünften der Glocknerrunde eingelöst werden. Das hat uns ebenso geholfen wie allen anderen vorsichtigen Wanderern, die die Schlechtwettertage aussitzen wollten.

Die folgenden Tage haben wir anhand des Wetterberichts geplant: In Kals haben wir das Schlechtwetter ausgesessen (tolles Tal, mäßiges Hotel, merkwürdiger Hotelchef), ehe wir für einen Wandertag – am einzigen Tag mit tollem Wetter – nach Fusch an der Großglocknerstraße gefahren sind.

Ein bisschen schade ist es schon, dass wir die meisten beeindruckenden Berge vor allem nur aus dem Tal betrachten konnten.

Was lernen wir daraus?

Die Vorbereitung für solch anspruchsvolle Touren muss noch akribischer sein: Am besten spricht man mit jemandem, der den Weg kennt. Oder – wenn man Anfänger ist wie wir – man nimmt sich einen Wander- und Bergführer. Sollten wir uns wieder ins hochalpine Gelände wagen, werden wir sicher die Dienste eines Menschen in Anspruch nehmen, der sich richtig gut auskennt und uns auch immer weiter motiviert.

Am Gepäck und an der Ausrüstung können wir auch noch ein bisschen feilen, vor allem an Mios. Bei einer einwöchigen Tour braucht der kleine Hund auch seine zwei Kilo Futter bei der außergewöhnlichen Anstrengung. Die zu schleppen macht keinen Spaß. Vielleicht kann man Futterpakete vorab an die Unterkünfte schicken, um jeden Tag deutlich weniger Futter mit sich tragen zu müssen.

Und vielleicht verlegen wir uns erst mal auf Touren und Ausflüge in niedrigerer Höhe. Unterhalb oder nur knapp oberhalb der Baumgrenze gefällt es uns eigentlich sowieso etwas besser. Dort ist es zwar nicht so sehr beeindruckend und ehrfurchtgebietend wie neben Gletschern – es ist aber auch weniger beängstigend.

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Schrat

Wanderschreiber

4 Kommentare

Nina · 14. Oktober 2017 um 10:42 pm

Ein schöner Text und vom Scheitern lese ich da nichts, eher von Vernunft. Und gut zu lesen, weil ich mit meinem Hund ähnliches plane. Das mit dem Futter vorschicken mache ich generell so, es ist nichts blöder, als kiloweise Hundefutter mit sich rum zu schleppen. Mein Hund ist bergerfahren, zumindest in der Sächsischen Schweiz. Welchen Unterschied es zum alpinen Gebiet macht, weis ich noch nicht- es gilt es aus zu probieren. Langsam, sanft und vorausschauend. Ich würde ihn (also meinen Hund) wohl gleich von der Leine machen, Leinenzwang ist anstrengend und nervig, für Stromi und für mich.

    schratundfee · 16. Oktober 2017 um 4:57 am

    Ja, die Leine ist unterwegs und besonders in schwierigem Gelände oft nervig. Aber da wir es bislang noch nicht vollends geschafft haben, unserem Hund seinen recht intensiven Jagdtrieb abzugewöhnen, müssen wir das in Kauf nehmen, wenn wir in der Natur unterwegs sind. Der Schutz von Rehen, Murmeltieren und allen anderen Wildtieren geht da halt vor, als Wanderer ist man schließlich zu Besuch in ihrem Lebensraum.

Karsten Seiferlin · 1. Oktober 2017 um 10:05 am

Im Gebirge flexibel auf Umstände wie Wetter, die eigene Verfassung oder den Zustand der Ausrüstung zu reagieren, gehört einfach dazu und hat nichts mir „aufgeben“ oder „scheitern“ zu tun. Es hat mit Verantwortung und Klugheit zu tun. Und es muss euch nicht abhalten, es wieder zu versuchen. Besser vorbereitet und mit mehr Wetterglück. So wie sich das liest, habt ihr das Richtige zum richtigen Zeitpunkt entschieden und seid alle drei gesund zurück gekommen.

    schratundfee · 2. Oktober 2017 um 12:18 am

    Danke für die lieben Worte. 🙂 Es fühlte sich auch nur im ersten Moment, also am Tag drauf nach Scheitern an für mich. Schon kurz darauf war ich sicher, dass wir verantwortungsvoll und vernünftig gehandelt haben.

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