Allgäu-Urlaub Teil 1: Schrecksee-Wanderung – oder doch eher eine Wanderung mit Schrecken

Veröffentlicht von Fee am

Wandern im Allgäu geht für viele Menschen nicht ohne eine Tour zum Schrecksee. Der ist so eisig, wie er heißt und liegt ziemlich hoch oben. Gastschreiberin Inga Quandel war mit ihrer Mitbewohnerin Freddy und zwei Freundinnen da. Im ersten Teil der Allgäu-Reihe schreibt sie, wie steil der Aufstieg wirklich ist.

Meine Mitbewohnerin Freddy hat einen großen Traum: Mit einer kuscheligen Kuhherde im Allgäu zu leben und Skisprungschanzen zu bauen.

Während ihres Freiwilligen Ökologischen Jahres hat sie die Allgäuer Alpen kennen- und lieben gelernt. Ihr Lieblingsort: der Schrecksee.

Der eisig kalte und glasklare Schrecksee

Weil ich und unsere gemeinsamen Freundinnen Sabine und Karo wissen wollten, was hinter dieser Liebe steckt, fassten wir im Sommer einen Entschluss: Wir packen unsere Rucksäcke und fahren für ein langes Wochenende im September gen Süden.

Schon Wochen vorher höre ich immer wieder das Wort Steigung

Schon Wochen vorher liegt Freddy mir in den Ohren. Detaillierte Berichte von den Anstrengungen der Schreckseewanderung verfolgen mich bis in meine Träume: Der Weg ist steil, also super steil, also super, super steil, und auch noch steinig, erst müssen wir durch den Wald und dann noch über eine Felswand.

Wunderschöner Schrecksee auf 1.813 Metern

Für mich klingt das eher nach einer wunderbaren Herausforderung als nach Albtraum. Vor allem, weil die Anstrengung ja auch mit einem kristallklaren Bergsee auf knapp 2.000 Metern Höhe belohnt wird.

Es ist September, grau und kalt

Mit Sabine und Karo im Schlepptau machen wir uns schließlich an einem grauen und kalten Septemberfreitag auf den Weg nach Hinterstein. Hier empfängt uns ein fröhlicher Busfahrer. Witze erzählend, aber zuverlässig bringt er uns zusammen mit anderen Sportskanonen und Freiluftfanatikern zum Startpunkt der Wanderung.

Endlich „trockener“ Wald

Hier gibt’s dann schon die erste Pause, es heißt erst mal Sachen sortieren, Wanderstöcke auspacken, tief durchatmen – und alle anderen vorlassen. Wir wollen schließlich unsere Ruhe, ohne Drängler.

Matschschuhe und steile Schleifen

Und dann geht’s los. Schon die ersten 100 Meter lassen mich erahnen, was uns auf den nächsten Kilometern erwartet. Einen Tag vorher hat es kräftig geregnet und schon auf der Kuhweide, auf der der Weg beginnt, stecken unsere Wanderschuhe zentimetertief im braunen Matsch. Geräuschvoll kämpfen wir uns die ersten Meter hin zum „trockenen“ Waldrand.

Hier erwartet uns ein schroffer, steiniger Wanderweg. In steilen Schleifen führt er uns hinauf zu einem Wiesenplateau. Kräftig schnaubend zweifeln wir alle ein bisschen an dem Vergnügen, das eine Wanderung eigentlich doch immer mit sich bringen sollte.

„Und das macht dir Spaß?“

Was soll ich jetzt nur auf Sabines kritische Frage „Und das macht dir wirklich Spaß?“ antworten? Mit einem nur mäßig überzeugenden „Mhm“ meinerseits geht’s weiter, geradewegs auf die unüberwindbar scheinende Felswand zu.

Regen, steil, Felsen 🙁

Zur allgemeinen Freude fängt es jetzt auch noch zu regnen an. Schritt für Schritt kämpfen wir uns auch über diese glitschige Hürde.

Schrecksee? Eher Verstecksee.

Endlich oben angekommen werden wir – richtig – erst mal nicht mit dem himmlischen Anblick des Schrecksees belohnt. Stattdessen führt der Weg uns noch mal über zwei weitere „kleine“ Hügel, haha, bevor wir das lang ersehnte blau-grüne Nass erblicken. Endlich! Vor uns liegt er nun, der stille Bergsee, unter einem wolkenverhangenen Himmel, vor dem rauen Gipfelpanorama.

Da ist er! Endlich!

Die Kälte ist unser tückischer Feind. Er kriecht uns hier oben in Windeseile in unsere verschwitzten Nylon-Sport-Outfits. Deswegen schlingen wir auch kurzerhand einen Großteil unseres mühevoll mitgeschleppten Proviants hinunter und treten dann den Rückweg an. Allerdings nicht, ohne noch schnell ein paar Erinnerungsfotos zu schießen.

Kann uns bitte die Bergwacht retten?

Mit einem vom Essen kräftig rumorenden Bauch schleppe ich mich also den ganzen steilen Weg wieder runter und denke zwischenzeitlich kurz über eine Rettung durch den über uns hinweg fliegenden Bergwachtshubschrauber nach.

Doch eine Verschnaufspause auf dem Wiesenplateau bringt endlich die längst verloren geglaubten Lebensgeister zurück. Nach anstrengenden sieben Stunden kommen wir so wieder am E-Werk an, wo uns der Bus einsammelt. Müde, abgekämpft und mit dicken Matschklumpen unter den Schuhen, aber trotzdem glücklich es geschafft zu haben.

Wandern ist Natur, ist Entdecken.

Ich liebe es, an verborgene Orte zu kommen.

Noch häufig muss ich über Sabines Frage nachdenken. Also: Was macht mir eigentlich am Wandern so viel Spaß, obwohl es mich schon das ein oder andere Mal an meine körperlichen (und geistigen) Grenzen gebracht hat?

Zum Einen liebe ich es, in der Natur zu sein, die Waldluft zu schnuppern, den Vögeln beim Singen zuzuhören und an verborgene Orte zu kommen, an denen sich der Mensch noch nicht breitgemacht hat.

Zum Anderen lenkt mich die Anstrengung von den kleinen und großen Sorgen des Alltags ab. Natur – und damit meine ich auch die Bewegung in der Natur – ist meine größte Freiheit!


 

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