Auf dem Zahnfleisch durch das Hochland – West Highland Way Teil 3

Veröffentlicht von Schrat am

Fünf Tage haben wir uns bereits den West Highland Way hinauf gekämpft. Doch die finalen Etappen zeigen uns noch einmal, was Fernwandern bedeutet – für Beine, Rücken und den Willen. Auf zu Teil 3 des Berichts!

Ihr stolpert jetzt erst über diesen Reisebericht? Hier geht es zu Teil 1 und zu Teil 2.

Kein Martini, kein Aston Martin im Moor

Tag 6: Wir packen unsere Sachen in Tyndrum, gut ausgerüstet, relativ ausgeruht und mit frischem Proviant. Denn auf den nächsten rund 45 Kilometern haben wir keine Möglichkeit einzukaufen.

In der Nacht hat es geregnet, doch am Morgen ebbt er zum Glück ab. Zwischendurch geht immer wieder ein Guss runter, aber mit Sonne und Wind trocknet wir schnell. Am Fuße der Berge entlang führte uns der West Highland Way, bis nach Bridge of Orchy, eine Geisterstadt.

Einen halben Pint gönnen wir uns im dazugehörigen Hotel, das einzig wirklich augenscheinlich bewohnte und genutzte Gebäude in dem Ort. Wir wollen an diesem Tag so weit gehen, bis wir keine Lust mehr haben.  Und so gehen und gehen und gehen wir, rauf ins Rannoch Moor. Das gehört der Familie Fleming, deren Spross Ian die Figur James Bond erdacht hat.

Von geschniegelten Agenten hat das Moor allerdings gar nichts: Wir laufen mitten durchs Nichts. So weit das Auge reicht Highlands, Erde, Fels, überzogen mit Flechten und Heidekraut, ein paar krüppelige Bäume, Sträucher. Wir treffen keinen Menschen, sehen kein Tier. Und an manchen Stellen des Weges können wir weder Straßen, noch Bahngleise, noch Strommasten, noch Häuser sehen. Für mich ist das der Punkt, an dem Natur beängstigend wird, an dem man sich als Mensch in der Urgewalt verloren fühlt. Offenbar ist was dran an der Aussage, dass Menschen Natur beim Betrachten am schönsten finden, wenn sie darin eine Spur menschlicher Zivilisation entdecken können.

Mitten im Rannoch Moor, der Blick in alle vier Himmelsrichtungen. Kein Zeichen von Zivilisation.

Wir laufen weiter und weiter. Campen direkt am Wegesrand ist dort keine Selbstverständlichkeit: Wir sind in einem Moor. Immer wieder passieren wir kleine aufgeschüttete Flächen, an den Seiten mit hochgezogenen Hügeln, auf denen Wanderer lagern können, ohne im Moor zu versinken. Doch wir laufen und laufen. Bis wir nur noch rund acht Kilometer bis zum Kingshouse Hotel vor uns haben. Das ist ein Hotel, hinter dem Trekking-Gäste geduldet und die in der Hiker’s Bar sogar willkommen sind. Also ziehen wir weiter, wenn auch der grobe, felsige Weg allmählich eine Qual für die Fußsohlen wurde. Feste Bergschuh-Sohlen zahlen sich auf diesem Stück aus. Wir haben keine festen Bergschuh-Sohlen.

Hirsche! Zwischen den Zelten! Wir haben uns leise dazwischen geschlichen.

Doch als wir um das Hotel biegen und die Wiese mit einigen Zelten darauf entdecken, sind die schmerzenden Füße vergessen: Ein Fluss schlängelt sich dort durch die Wiesen, am anderen Ufer ein Waldrand. Und inmitten der Zelte grasen friedlich einige Hirsche. Wir nähern uns langsam, leise, um keine Panik zu verursachen und bauen unser Zelt auf.

So ist aus dem Tag mit offenem Ende eine 30-Kilometer-Etappe geworden und wir gönnen uns in der Hiker’s Bar eine warme Mahlzeit und ein, zwei, drei Pints für diese Leistung.

Tag 7: Wir haben die Erzählungen über die Midges ignoriert, andere Wanderer mit Kopfnetzen belächelt – nun rächt es sich. Wir können kaum aus unserem Zelt schauen: Eine dicke, pechschwarze Schicht der kleinen Insekten belagert uns, schwirrt in einer riesen Wolke um den Eingang. Doch es hilft ja nix:

Mit dem dringenden Drang zum Klo husche ich aus dem Zelt, Klopapierrolle unterm Arm und in den Wald – Campinggäste sind im Hotel selbst nicht erwünscht. Im Slalom eile ich in den frühen Morgenstunden zwischen den Zelten her, hüpfe durch den Fluss, finde einen einsamen Hügel und will gerade beginnen…und begehe einen Fehler: nackte Haut an der frischen Luft. Jeder Zentimeter davon wird sofort von Hunderten Midges bedeckt. Ich breche ab und flüchte direkt ins Zelt. In Windeseile packen wir ohne Frühstückskaffee zusammen, schleichen uns für die Toilette ins Hotel und machen uns auf zum Devil’s Staircase, dem höchsten Punkt des Weges mit 550 Höhenmetern.

Es grünt so grün, wo einfach kein Schwein lebt.

Dort hinauf ist es ein strammer, aber kurzer Anstieg, die Aussicht zwischen zwei Tälern unglaublich. Ein leichter Wind geht dort oben, was uns kurzzeitig Erleichterung in Sachen Midges bringt, aber wirklich nur sehr kurzzeitig. Wir flüchten weiter vor den Viechern Richtung Kinlochleven, um einzukaufen. Und vielleicht für einen halben Pint.

Der-den-Midges-trotzt

Unsere Laune ist mäßig angesichts der widerwärtigen kleinen Viecher, doch schlägt sie nach einem Pint im Ort und einem unerwartet langen Aufstieg bis an die nächste Hügelkette in verzweifelt-fröhlichen Galgenhumor um. Wieder mitten im nirgendwo angekommen, in einem atemberaubend schönen Tal, schlagen wir das Lager auf. Inmitten der Midges. Ich verkrümele mich ins Zelt, als Christoph tapfer, vermummt und mit Handschuhen, in einem Orkan der kleinen schwarzen Insekten ein Abendessen anrührt. Das ist wahrer Heldenmut.

Kurz vor dem Ziel vor Fort William.

Tag 8: Unsere letzte Etappe. Noch immer umringt von Midges packen wir ein, frühstücken hat keinen Sinn. Also marschieren wir schnell weiter, höher, in der Hoffnung auf Wind, der uns erlöst. Und siehe da: Als der Weg sich um den Hügel herumwindet, kommen leichte Böen auf. Wir holen Frühstück und Kaffee direkt am Wegesrand nach.

Weiter führt uns der Weg durch unheimliche abgeholzte Waldflächen, auf denen nur noch blasse Stümpfe wie aus einem Gebeinfeld ragen, dann durch den Forest Nevis, der wiederum grün und dicht wie ein Märchenwald ist.

Das Ziel.

Dann sehen wir auch erstmal Ben Nevis, den höchsten Berg Großbritanniens. Am Fuße dieses Berges liegt Fort Williams (fast), und auf jeden Fall unser Campingplatz.

Auf dem großen Platz machen wir halt, duschen – was nach zwei wild gecampten Nächten bitter nötig ist – und laufen die letzten paar Kilometer ohne Gepäck nach Fort William. Endlich. Geschafft, mit Ziellinie am Ende des kleinen Touristenortes. Genährt und nach ein paar Pints sind die wenigen Kilometer zurück zum Camp auch gar nicht wild.

Tag 9 – und das Nachspiel

Zum großen Finale wollen wir eigentlich Ben Nevis besteigen. Und sagen können, dass wir schon einmal den höchsten Berg eines Landes erklommen haben. Doch auch bei der Höhe von nur 1345 Metern machen uns die Wolken und das Wetter Sorge: Von dem Gipfel ist nicht ein Stück zu sehen. Das trauen wir uns nicht zu, zu unerfahren sind wir im Bergwandern.

Hier fährt der Hogwarts-Express drüber!

Nun ist Fort William kein spannender Ort, zudem ist der Campingplatz sehr teuer. Also reisen wir zum Glenfinnan Viadukt gereist – das Viadukt, über das der Hogwarts-Express rattert!

Da uns noch immer die Füße schmerzen, nehmen wir den Bus, mit unserer noch knappen Reisekasse. In einem Bushäuschen sitzen wir den Regen aus, bis alle Touristen verschwunden sind. Denn wir wollen unser Lager auf einem Hügel am Aussichtspunkt für das Viadukt aufschlagen. Das geht jedoch nur, nachdem alle Touristen verschwunden sind. So nah an Häusern und auch einer Touristen-Info darf man nämlich auch in Schottland nicht campen.

Nachdem die letzten Touristen ihre Fotos vom Viadukt gemacht haben, steht unser Zelt samt improvisiertem Vordach binnen Minuten. Dann: Bohnen, Bier und Blick aufs Viadukt.

Der heimlich aufgeschlagene Rastplatz auf dem Aussichtshügel zwischen Eisenbahnviadukt und Loch Shiel.

Für den Rückweg an Tag 10 wollen wir uns das Geld für den Bus sparen und improvisierten ein Hitchhiker-Schild. Es dauert nicht lang, bis eine Fahrerin anhält. Mit ihren beiden Söhnen aus Manchester besucht sie die Highlands, war zuvor am Meer. Und uns hat sie bereits am Vortag in der Bushaltestelle sitzen sehen. Da ist es für sie offenbar selbstverständlich, uns mitzunehmen.

Das Gepäck für den West Highland Way. Mit Vorräten und Wasser kamen gut und gern 25 Kilo dabei rum. Aber: Nicht ein Ausrüstungsstück blieb ungenutzt.

Das Gepäck für den West Highland Way. Mit Vorräten und Wasser kamen gut und gern 25 Kilo dabei rum. Aber: Nicht ein Ausrüstungsstück blieb ungenutzt.
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Das Gepäck für den West Highland Way. Mit Vorräten und Wasser kamen gut und gern 25 Kilo dabei rum. Aber: Nicht ein Ausrüstungsstück blieb ungenutzt.

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Zurück in Fort Williams stellen wir fest, dass Touri-Orte ohne Kohle keinen Spaß machen. Also machen wir ein Nickerchen im Park und schleichen uns mit der Dämmerung in eine Waldanlage eine halbe Stunde vor Fort William, um dort unerlaubterweise unser Zelt aufzuschlagen. Viel weiter wollen wir nicht weg, denn am nächsten Morgen müssen wir zeitig am Bahnhof sein, für unseren Zug nach Edinburgh.

Eine Nacht zum Ende in Edinburgh, in dieser wunderschönen Stadt.

Das Fazit

Würde ich den West Highland Way empfehlen oder ihn sogar noch einmal gehen? Ja, ganz entschieden ja. Ich würde nicht nur jedem empfehlen, diesen wunderbaren, atemberaubenden und dabei doch so zugänglichen Weg laufen, ich würde gern einmal auch selbst nochmal diese Strecke auf mich nehmen. Unterwegs haben wir sogar einige Wanderer getroffen, die den West Highland Way bereits mehrfach gegangen sind. Auch würde ich wieder campen. Das Gefühl, wie eine Schnecke das eigene Haus dabei zu haben, finde ich einfach unbeschreiblich schön und befreiend.

Es gibt nur ein paar Dinge, die ich anders machen würde: Zunächst würde ich mit besseren Schuhen loslaufen. Denn die Blasen waren teilweise grauenhaft, Bilder und Details möchte ich den Lesern ersparen.

Zudem würde ich den Zeitpunkt etwas anders wählen: Noch einmal möchte ich mich nicht unter die Midges begeben. Etwas früher im Sommer würde ich loslaufen – oder halt richtig im Herbst, aber da kann es schon sehr kalt werden.

Das Gepäck für den West Highland Way. Mit Vorräten und Wasser kamen gut und gern 25 Kilo dabei rum. Aber: Nicht ein Ausrüstungsstück blieb ungenutzt.

Am Gepäck und der Ausrüstung würde ich zudem feilen. Alles in allem muss es leichter werden. Vor allem am Zelt, dem Schlafsack und den Klamotten lässt sich noch einiges an Gewicht sparen.

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