Der Roc d’Enfer: Der beste weniger bekannte Alpenberg ever

Wir waren in den französischen Alpen wandern. Das Internet empfahl uns hier den Roc d’Enfer, den Fels der Hölle. Wir haben aber sowas wie den Himmel auf Erden vorgefunden.

Bis vor Kurzem fehlten uns noch zwei Alpenländer auf unserer Liste: Frankreich und Liechtenstein. Frankreichs Alpen haben wir jetzt getestet und können sagen: Da wandern wir mal wieder.

Auf dem Rückweg unseres Roadtrips nach Spanien kam ich nicht umhin mich zu fragen, ob ich es ohne Alpen überleben würde. Die Antwort war ein klares Nein. Wir mussten noch einen Zwischenstopp einlegen, so nah an hohen Bergen wie möglich.

Zwischen Genfer See und Mont Blanc

Unser Ziel war das Département Haute-Savoie in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Die liegt südlich des Genfer Sees und schließt die Berge am Mont-Blanc-Massiv mit ein.

Weil der Trip dorthin so spontan war, hatten wir keine Wanderkarte dabei. Ich suchte also im Internet nach einer Tour. Das war nicht so leicht. Ich fand mit unseren Kriterien – also keine allzu lange Fahrt, Hundetauglich, schön weit oben – fast nur richtig lange Touren. Das ist mir während eines Roadtrips mit ewig langen Fahrten zwischendurch einfach zu viel.

Auf Roc-d’Enfer-Entdecker-Tour

Eine Tour schien aber zu passen: Der Roc d’Enfer Explorer Trail. Etwas stutzig machte uns, dass die Runde auf der Seite als schwierig eingestuft wird. Und auch unser Airbnb-Vermieter sagte, was wir vorhätten sei schwierig, aber „bah oui, pourquois pas?“

Wir haben uns nicht abschrecken lassen. Zum Glück. Die Wanderung um und auf den Berg war mit die beste jemals. Der Weg führt erst steil hinauf, durch Kuhwiesen, dann am Felshang hoch, durch ein Tor in der Flanke des Rocs. Dann geht’s auf ein Hochplateau und von da aus durch märchenhaften Wald wieder zurück. Wir sahen Murmeltiere, Kühe, Schafe, Ziegen und zumindest die Spuren von Steinböcken, den Gipfel des Mont Blanc und viele andere Berge drumherum.

Die Tour

Los geht’s in Graydon, einem klitzekleinen Bergdorf am Chablais-Massiv. Hier gibt es ein kleines Refuge, eine Einkehr. Wir lassen sie rechts liegen, weil wir eine riesige Jause dabei haben.

Zwischen Kühen und unter Sesselliften geht es hinauf.

Erst mal führt der Weg über gekieste Forststraßen steil und in Serpentinen neben dem Roc d’Enfer den Berg hoch. Hoch, hoch, hoch. Links und rechts stehen Kühe, als wir hinauf gehen, die Mio und uns glücklicherweise kaum interessant finden. Anwohner warten den Skilift, der über den Weg geht, in Erwartung der kommenden Saison.

Auf einer Wiese am ersten Hochplateau rastet eine Gruppe Rentner unter einem Baum. In einer Senke trinkt eine Herde Ziegen Wasser aus dem Bergsee. Es könnte kaum idyllischer sein.

Hier oben führt der Weg nach links, zu beiden Seiten ist die Aussicht auf Seen und Orte fantastisch. Kleine Wolken hängen leicht zwischen Hunderten Gipfeln, als wir die Tour machen. Vor uns ragt der Roc d’Enfer in die Höhe. Wir laufen genau darauf zu.

Gehen ist das nicht mehr, hinauf zum Col Ratti.

Die Wege werden schmaler

Mithilfe der Hände geht es doch ganz gut voran, auch bei Gegenverkehr.

An der Bergflanke geht es wieder nach links, über einen schmalen Pfad. Und dieser hat es in sich. In winzigen Kurven führt er steil am Berg hinauf, von unten sehen wir zwar, wo es vermutlich lang gehen soll – den kleinen Weg selbst können wir aber nicht erkennen.

Wir kraxeln uns Stück für Stück hinauf. Halten uns an Steinen fest und stoßen uns gut ab, einige Stufen sind ganz schön hoch, einige Stellen ganz schön rutschig, Mio zieht. Dann kommen uns von oben vier Wandernde entgegen. Sie brauchen eine gefühlte Ewigkeit hinunter und ich habe plötzlich Bedenken, dass uns auf der anderen Seite das Gleiche bevorsteht. Steil rauf: okay, steil hinunter: lieber nicht.

Ich hab aber Glück. Einmal nach oben geschafft, wird es eintausendmal leichter. Und der Ausblick, der sich im Tor der Felsflanke bietet, ist gigantomatisch. Gegenüber der Mont Blanc, im Rücken der Genfer See, links Gipfel, rechts Gipfel, alles ist grün, alles ist still. Neben uns ragt eine Felsspitze auf, an die sich ein einzelner, knittriger Baum krallt.

Tapferer Baum am Roc d'Enfer
Tapferer Baum am Roc d’Enfer

Hinab geht es deutlich entspannter

Unser Weg führt nach rechts, am Fels entlang, noch einmal klettern wir ein Stück. Dann steigen wir durch ein Geröllfeld und stehen kurz darauf auf einer Hochalm. Murmeltiere pfeifen hier, Mio spitzt die Ohren und spannt alles an. Wir sehen ein, zwei rennen, dann bellt der Hund und alle verkrümeln sich. Besten Dank auch.

Bis zum Mont-Blanc-Massiv reicht der Blick vom Col Ratti in Richtung Süden. Nach Norden schaut man bis zum Genfer See.
Bis zum Mont-Blanc-Massiv reicht der Blick vom Col Ratti in Richtung Süden. Nach Norden schaut man bis zum Genfer See.

Zeit für eine Rast. Wir packen Brote aus, Wasser und alkoholfreies Bier, Gurke, Tomaten, Äpfel, einfach alles, was wir dabei haben, und sitzen bestimmt eine Dreiviertelstunde lang. So lange kann ich selten Pause machen, meistens bin ich rastlos und will schnell weiter. Aber hier oben ist es so traumhaft schön, dass ich wie gefangen bin. Wir hören wieder Murmelis und rechts von uns blökt eine Herde Schafe vor sich hin.

Es riecht nach Murmeltier. Und Schaf. Und Ziege. Und Kuh.

Ein Teil des weiteren Weges ist von hier aus schon sichtbar. Als wir uns wieder aufmachen, bleibt es fürs Erste eben. Wir verlassen das Hochplateau, das sich Col Ratti nennt – weil es hier so kahl es. Schatten is nich. Auf der anderen Seite kommen wir wieder auf eine Kuhwiese. Auch hier bleiben alle ruhig, wir und die Kühe.

Zwischen Chalets und Zauberwald

 

Aus dem Berg in den Märchenwald.

Der Weg führt bald nach links, ziemlich steil hinab, Abstiege sind einfach nervig. Aber dann wird es flacher, wir kommen an Häuschen und Hütten vorbei und in einen Nadelwald. Zuerst geht es noch über einen breiten Forstweg, dann mitten hindurch. Hier ist es märchenhaft, mit Farnen und tief herabhängenden Ästen. Bevor wir wieder auf einen breiteren Weg kommen, laufen wir erst noch dreimal durch tiefsten Matsch. Ein Hoch auf die gut imprägnierten Wanderstiefel.

Esel <3

Am Ende führt die Route über ein Stück Straße. Macht aber nicht so viel aus, weil hier sowieso kaum was los ist. Die Menschen, die hier wohnen, sitzen draußen oder werkeln in ihren Gärten und Scheunen. Alle grüßen freundlich und grinsen Mio an. Am Auto erwartet uns noch eine Herde Esel. Ihre Besitzerin fragt uns, wo wir gewesen seien. Dann fragt sie: „Habt ihr meine Ziegen gesehen?“ Haben wir. Und noch viel, viel mehr.

Warum alle Mio immer so freundlich ansehen und grüßen:

Weil er so niedlich ist!

Die Tour zum Nachwandern