Panik am Berg: Wenn aufgeben die beste Wahl ist

Nie hätten wir gedacht, dass wir einmal mit dem Heli vom Berg geholt werden müssten. Im Sommer ist uns aber genau das passiert. Dank vieler Menschen haben wir diesen Horror mittlerweile gut verkraftet.

Immer noch zucke ich zusammen, wenn ich einen Hubschrauber höre. Das Geräusch holt alle Gefühle wieder hervor. Und auch Mio reckt bei dem dumpfen Brummen den Kopf nach oben. Erst gestern beim Spaziergang hat er sich wieder zig Mal nach dem Geräusch eines Hubschraubers umgedreht und deutlich gezeigt, wie unwohl ihm ist. Immer noch. Dabei ist unser Heli-Flug jetzt mehr als ein halbes Jahr her.

Blick auf den Mont Blanc

Alles super auf der anderen Seite der Passstraße

Damals, im Juni, waren wir in den italienischen Alpen. Urlaub im Aostatal, wir hatten viel darüber gelesen, von Freunden davon gehört und haben hier auch schon berichtet. Nur über eine Tour noch nicht. Ich konnte nicht, wollte die ganze Geschichte erst abschließen, bevor ich drüber schreibe. Denn ich war der Grund für die Rettungsaktion.

Dabei hatte der Tag so wunderbar begonnen. Wir waren am Colle San Carlo aus dem Auto gestiegen und hatten einen Abstecher zur Aussicht auf den Mont Blanc gemacht. Der war zwar hinter Wolken verschwunden, doch Tal und Bergpanorama waren auch ohne den höchsten Gipfel Europas beeindruckend. Nach einem kleinen Schlenker drehten wir um, überquerten die Passstraße und gingen auf der anderen Seite in den Wald.

Hier sollte uns der Weg zum Lago d’Arpy führen, auf den Colle Croce – und eigentlich auch wieder herunter.

Aber daraus wird nichts.

Der Weg durch den Wald ist matschig und aufgeweicht, hier und da liegen kleine traurige Schneeberge. Da, wo es lichter wird, werden auch die Schneeberge größer. Sie gehen über den ganzen Pfad, Menschen in Trekking-Turnschuhen und Sneakers rutschen weg, helfen sich gegenseitig. Wir sind mit unseren Wanderstiefeln gut gerüstet, nur Mio mit seiner Begeisterung für Schnee wird langsam anstrengend. Ständig rutscht er die Bergflanke hinab, Tim muss die Leine fester in die Hand nehmen.

Zum Lago d’Arpy stapfen wir einen Schneeberg hinauf, hauen Stufe für Stufe mit unseren Schuhen in die eisige Oberfläche. Hier hätten wir aufmerksam werden müssen – aber wir denken uns nichts dabei, kommen gut voran und genießen einen magischen Moment an dem glasklaren Bergsee. Um uns herum schroffe Felsen, Geröll, Schnee und Eis – und das im Juni!

Wir wollen weiter, noch ein kleines Stück hinauf, zum Colle Croce. Eine verlassene Festung aus dem Krieg soll da oben sein, wir hoffen außerdem auf Steinböcke. Unseren Weg finden wir zwar kaum, aber wir kommen durch Bachläufe und hin und wieder auch auf einem ausgetretenen Pfad ganz gut voran. Oben sind wir sogar wieder richtig, können den Weg endlich erkennen.

Dann kommt die perfekte Aussicht. Der Blick auf das Mont-Blanc-Massiv, auf die Orte unten im Tal ist ernsthaft atemberaubend. Wir setzen uns erst mal, machen Pause und Fotos.

Fotoshoot mit Blick auf den Mont Blanc

Kalter Wind und hoher Schnee

Aber es ist kalt hier oben, also gehen wir bald weiter. Unsere Route führt an der Nordseite des Colle Croce entlang um den Gipfel. Wir kommen um die erste Kurve und alles ist weiß. Vor uns liegt ein Schneefeld, es geht komplett über den Weg, bestimmt fünfzehn oder zwanzig Meter weit, nach oben und nach unten. Es sieht steil aus.

Wir sammeln uns und gehen los. Wieder hauen wir mit unseren Schuhen Stufen in den festgefrorenen Schnee. Schneckenlangsam kommen wir voran, ich höre Tim vorne mit Mio schimpfen, der Spaß im Schnee hat und den Ernst der Lage nicht erkennt. Immer wieder rutscht er den Hang hinab. Meine Konzentration gilt aber meinem eigenen Weg, ich habe Mühe, nicht panisch zu werden.

„Unser erstes Schneefeld!“ Juhu.

Dann sind wir drüber. „Unser erstes Schneefeld!“, rufe ich Tim zu, doch die Euphorie hält nur kurz, schon hinter der nächsten Kurve wartet unser zweites. Ich merke schon, dass ich da eigentlich nicht mehr drüber will. Aber klar, unser Weg führt hier lang, zurück ginge es auch über Schnee, also weiter.

Nach meinem Schneefeld-Rutsch

Hier passiert es dann, Tim rutscht aus. Er schafft es, sich auf den Bauch zu drehen, so wie wir es etliche Male in Zeitschriften und Blogs gelesen haben. Während mein Herz vor Angst gefühlt explodiert, rappelt er sich auf. Wir überstehen auch dieses Schneefeld unversehrt – zumindest körperlich.

Dann das dritte. Hier rutsche ich, drehe mich – und rutsche trotzdem weiter. Der Schnee ist zu vereist, zu hart, meine Hände finden keinen Halt, meine Kleidung gleitet schnurstracks den Berg hinab. Ich rutsche ungefähr zwei Meter weit, dann stoppt mich ein kleiner Huppel im Schnee. Ich heule, die Tränen laufen mir die Wange runter. Vor Erleichterung oder Panik kann ich in dem Moment gar nicht sagen.

Schneefeld vier und dann das fünfte

Nach diesem Schneefeld halten wir an, essen noch mal was und trinken Tee. Ich bin ratzefertig, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Als wir einpacken und weiter wollen fragt Tim: „Bist du bereit?“ Und ich sage nein, ich weiß, ich bin es nicht. Doch wir schaffen auch dieses vierte Feld, gehen mittlerweile ziemlich benommen um die nächste Biegung und stehen dann vor einem, das wir nicht queren können.

Mio, der den Ernst der Lage nicht erkennt.

Es hat sich an einem vorspringenden Felsen so aufgetürmt, dass es zweieinhalb oder drei Meter hoch aufragt. Über dem Boden gibt es ein kleines Loch, Mio würde vielleicht durchpassen, wir aber auf keinen Fall. Dahinter kämen wir ohnehin nicht weiter, es gibt kein vorwärts mehr.

Und ab da für mich auch kein rückwärts. Ich weiß, dass da fünf glatte, vereiste Schneefelder warten. Auf zweien sind wir schon gerutscht. An den Stellen würde es jetzt noch mal schwieriger, feste Tritte in den Schnee zu hauen. Ich weiß, dass meine Beine zittern, weil das Stufen stapfen so anstrengend ist. Ich weiß, dass wir an einem Berghang stehen, dass es langsam kalt wird und auch spät.

Tim überlegt, ich kann nicht mehr

Es ist windstill. Auch Stimmen hören wir keine, obwohl unten in Sichtweite Menschen zum Lago d’Arpy laufen, glücklich und sicher und von hier oben ganz unwirklich. Während wir überlegen, wie wir hier je wieder wegkommen. Das heißt, Tim überlegt. Ich kann nicht mehr, in meinem Kopf ist nur noch eine dumpfe Wolke, die ziemlich rasch größer wird und alles vernebelt. Ich versuche, sie klein zu halten, ich will Panik verhindern und spüre sie doch schon ganz deutlich.

Auf dem Weg zum Gipfel: Es gibt ein bisschen Schnee, ja. Schneefelder hätten wir allerdings nicht erwartet.

Als wir entscheiden, es mit kraxeln zu versuchen, um über den Gipfel wieder auf den Hinweg zu gelangen, bin ich eigentlich schon zu nichts mehr in der Lage. Mit wackligen Beinen und Gummi in den Armen ziehe ich mich vielleicht vier oder fünf Meter weit hoch, dann sehe ich, dass auch oben Schneefelder liegen und breche zusammen.

Dass ich hier nicht abgerutscht bin, war meine Rettung. Und Tim, der trotz seiner eigenen Angst absolut klar geblieben ist. Er sagt mir, wo ich mich hinsetzen soll, dass ich seine Jacke anziehen soll, dass er jetzt die Bergwacht ruft. Das kommt zwar an, aber ich glaube noch nicht, dass wir gerettet werden. Ich glaube, dass ich sterben werde. In meinem Kopf überlege ich, dass es besser wäre, wenn ich mich einfach fallen lasse.

Berechtigte Angst versus Panikattacke

In dem Moment, als Tim eine berechtigte Angst beschlichen hat, steckte ich schon längst in einer Panikattacke fest. Ich hatte davor schon dreimal welche, doch diese war größer.

Tim telefoniert mit dem Notruf, der Bergwacht, dem Heli-Piloten. Er dirigiert ihn später, als wir ihn sehen – per Telefon. Das ist so surreal, dass ich immer noch nicht denke, dass wir überleben werden. Dann fliegt der Hubschrauber vorbei. Die Rettungsleute sehen uns nicht. Das Motorengeräusch wird leiser.

Davon, wie Tim den Piloten dann doch noch herdirigiert hat, weiß ich nicht mehr viel. Was ich weiß ist, dass ich den Bergretter, der sich als erstes herablässt und mich wieder mit hoch zieht, am liebsten geheiratet hätte. Tim und Mio folgen. Oben wartet eine Ärztin, die mich schreiend ausfragt. Ein Sicherheitsgefühl finde ich hier erst mal noch nicht. Das dauert bis kurz vor der Landung in Aosta.

Am Ende bin ich kurz im Krankenhaus, Mio versucht noch, vor lauter Panik vor dem Hubschrauber davon zu rennen und Tim muss erst mal eine rauchen, obwohl er gerade erst aufgehört hatte. Aber es wird alles gut. Ich habe erst jetzt darüber geschrieben, weil wir endlich alles bezahlt bekommen haben. Dazu mehr im nächsten Text.

7 Antworten auf „Panik am Berg: Wenn aufgeben die beste Wahl ist“

  1. Danke, dass du uns darüber erzählt hast, vielleicht hilft ja auch das aufschreiben dir darüber hinweg. Wünsche dir alles gute einen guten Start im neuen Jahr, und doch wieder schöne Wanderungen mit Mann und Hund.
    Lg

  2. Bewegende Geschichte… Ich hoffe ihr geniesst das Wandern immer noch, trotz dieser Erfahrung. Ich liebe das Wandern auch. Ich bin oft alleine unterwegs, da ich dabei sehr gut abschalten kann. Ich geniesse die Freiheit dabei, einfach mal drauflos zu laufen. Seit ich regelmässig zu Fuss unterwegs bin, nehme ich die Natur viel intensiver war, mir fallen viele kleine Details auf, die ich früher nicht gesehen habe. Ich mag es auch, beim wandern an die körperlichen Grenzen zu kommen, denn es ist ein gutes Gefühl.
    Zu eurer Geschichte zurück… Ich selbst habe einen guten Freund durch das Wandern verloren. Er ist 100m in die Tiefe gestürzt. Egal wie gut man in dem ist, was man macht, kann immer was passieren, ihr seid da ein gutesBeispiel. Darum sollte man auf das Gefühl hören und den Verstand immer eingeschaltet haben. Auf den Körper hören, denn der zeigt die Grenzen ganz klar auf.
    Euch weiterhin alles Gute.

  3. Dankeschön für diesen sehr gute Bericht einer erlebten Extremsituation. Ihr habt die richtige Entscheidung getroffen und es ist gut gegangen. Ich hoffe, dass viele Menschen diesen Bericht lesen und von euren Erfahrungen profitieren lernen. Ich wünsche euch alles Gute und das ihr trotzdem weitermacht in den Bergen. Sie sind wunderschön, auch wenn manchmal etwas bissig :-). LG aus Salzburg #derhundewanderer

  4. Danke, dass du über diese Erfahrung berichtet hast. Ich wünsche euch weiterhin viel Kraft, das Erlebte zu verarbeiten, und gleichzeitig weiterhin viel Freude bei zukünftigen Abenteuern. Nehmt etwas daraus mit, nur keine Angst, die euch lähmt. Kommt gut ins neue Jahr!

    1. Vielen Dank fürs Feedback 🙂 Ich hatte schon vor diesem Tag eine Therapie begonnen und siehe da, seitdem ist auch nix mehr gewesen. Wir wünschen dir auch einen tollen Jahreswechsel und ein glückliches 2019!

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