Nach der Angst war vor der Angst: Alpenverein, selbst bezahlen oder Krankenversicherung?

Kopfschüttelnd gucke ich jetzt auf den Text zu unserer Tour mit Hubschrauber. Zu Fuß hoch, mit Heli wieder runter – auch beim Schreiben wurde mir ganz anders. Was hilft, ist das Wissen alles, inklusive der Kosten, hinter mir zu haben.

Vor ein paar Wochen habe ich hier aufgeschrieben, warum uns in den Bergen des Aostatals die Bergwacht helfen musste. In „Panik am Berg: Wenn aufgeben die beste Wahl ist“ erzählte ich, wie das war, mit der Panik, nicht weiter zu kommen, nicht mehr klar denken zu können.

Der Dank gebührt der Bergwacht

Mein größter Dank gilt der italienischen Bergwacht, die so ruhig und gefasst war. Die Männer und die Frau der Crew haben es geschafft, mich so weit abzulenken, dass ich noch im Hubschrauber ruhiger wurde. Und das, obwohl mir der Flug ganz und gar nicht behagte.

Foto: Xavier Balderas/Unsplash.com

Und sie haben sogar Tim und Mio noch in der Nähe des Autos am Colle San Carlo abgesetzt. Mal eben so, mit einem Hubschrauber. Als wäre da einfach eine Bushaltestelle gewesen.

Ich bin im Heli geblieben. Allein zu sein war zwar unheimlich, doch die Aussicht auf Ärzte und Beruhigungsmittel im Krankenhaus war tröstlich. In Aosta holten mich zwei Sanitäter mit dem Krankenwagen vom Flugplatz ab. Dann saß ich in der Notaufnahme. Ich erklärte einer Pflegerin, was passiert war, dann saß ich einfach weiter da. Mir war unendlich kalt, ich hatte Durst, Sehnsucht, war müde.

Angst davor, dass niemand an die Panik glauben wird

Fast anderthalb Stunden, einen Fragebogen und Blutdruckmessen später dann die Visite. Der Arzt fragt auch noch mal, was ich hab. Ich erkläre es ihm. Erzähle ihm von der Therapie, die ich nur drei Wochen vorher begonnen hatte. Er: „Okay. Und wollen Sie jetzt noch Medikamente?“ Keine Ahnung. Ich sitze ja schon lange rum, atme wieder normal, bin einfach nur müde vom Schock. Also sage ich nein.

Foto: Muhammad Masood/Unsplash.com

Da guckt er mich ungläubig an. Ich erkläre ihm, wieso ich denke, dass ich ohne klar kommen werde und er sagt dann na gut, dann legen Sie sich ins Bett. In dem Moment beschleicht mich das Gefühl, dass mir nachher niemand glauben wird. Panik, pff, das ist doch nicht so schlimm, könnten Menschen nachher denken. Vor allem die, die mich nicht kennen. Ist doch kein gebrochenes Bein! Nur ein bisschen Angst!

Endlich zu Hause

Zu Hause, also in unserem Airbnb-Loch in einem Dorf östlich von Aosta, trinke ich erst mal Tee, dann Wein. Viel Wein. Wenn ich schon keine Tablette genommen habe, kann ich auch Alkohol trinken, denke ich. Es geht so. Ich penne ziemlich bald ziemlich verheult ein und kann am nächsten Morgen die Augen kaum öffnen. Der Kater ist doppelt heftig, Gefühle und Körper streiten sich um die größten Schmerzen.

Und dann ist da noch die Angst vor den Folgen unseres unrühmlichen „Abstiegs“. Was wird das kosten? Alles, was ich bisher über solche Rettungsaktionen gehört und gelesen habe, war: Das wird teuer. Meine Gedanken daran tragen nicht gerade dazu bei, dass sich meine Stimmung hebt. Außerdem hat unser Auto Boxi auch noch eine Panne. Wenn, dann richtig.

Das mit der Rechnung schiebe ich erst mal auf

Wir schaffen es trotzdem irgendwann zurück nach Deutschland. Hier muss ich mich um die Kostenerstattung kümmern. Ich weiß das, aber ich warte trotzdem, bis die Rechnung aus dem Krankenhaus kommt. Aufschieben hilft mir zumindest vordergründig. Mein Argument: „Die Krankenkasse würde sowieso nach der Rechnung fragen – und könnte vorher gar nix machen.“ Meine Therapeutin sagt mir, dass Angst definitiv ein Hubschrauberrufgrund ist und das hilft auch schon ein bisschen.

Foto: Torbjorn Sandbakk/Unsplash.com

Als die Rechnung dann eintrudelt, auf Italienisch, bin ich erst mal erstaunt. 1.049 Euro? Nur? Das ist viel Geld für mich, klar, aber ich hatte mit viel mehr gerechnet. Ich bin mir gar nicht sicher, ob der Helikoptertransport mit drin ist und frage eine Bekannte aus Italien. Die sagt, alles gut, das war’s.

Mit der Auslandskrankenversicherung läuft es weniger gut

Mama nimmt mir ziemlich viel von meiner Angst, als sie mich anruft. Ich habe doch noch eine Reisekrankenversicherung! Bis dahin dachte ich, ich hätte keine. Bei der Arag heißt es erst, sie wollten die Rechnung im Original. Mir ist mulmig dabei, aber bitte, ich kopiere und schicke die echte Rechnung weg. Die ist dann auch weg und taucht nicht wieder auf, jedenfalls nicht bei mir. Bin mir sicher, dass sie irgendwo in dem Arag-Gebäude in München rumflattert.

Der nächste Angestellte sagt mir am Telefon, dass natürlich auch per Mail schicken gehe. Super. Dann mache ich also das. Wochen später und über Mama, auf die die Versicherung läuft, höre ich wieder von der Arag. Ich solle doch erst meine normale Krankenversicherung um Geld bitten. Und einen Fragebogen muss ich ausfüllen. Der ist weniger persönlich, als ich vorher befürchtet hatte.

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Die Techniker ist super schnell

Ich fülle aus und rufe meine Krankenkasse an. Die fragen, ob ich sie schon mal informiert hätte. Ich: Nein, ich wollte auf die Rechnung warten und dann noch die Arag und so… Von denen kommt ein lahmes „Ach so. Na, dann schicken Sie die Rechnung mal ein.“

Bei der Techniker geht alles super schnell und super unkompliziert. Nur wenige Tage später habe ich den Bescheid, dass sie knapp 1.000 Euro übernimmt. Die Arag schreibt wiederum Wochen später, sie würden dann mal den Rest zahlen. Immerhin, ich bin sehr froh darüber.

Foto: Philipp Schlabs/Unsplash.com

Sich retten zu lassen, ist das Beste, was wir tun können

Was ich daraus gelernt habe: Angst IST ein Grund für eine Rettung vom Berg. Angststörungen sind eine anerkannte Krankheit. Es ist für Bergwacht und Versicherung egal, ob ich mir ein Bein in den Alpen breche oder mich in Todesangst nicht mehr bewegen kann und mich am liebsten einfach fallen lassen würde.

Eine Auslandskrankenversicherung ist unerlässlich, aber die Techniker ist echt ne Gute. Den Deutschen Alpenverein mit seiner anhängenden Versicherung hätte ich als Mitglied auch noch fragen können. Sich aus einer Notsituation am Berg retten zu lassen, ist also das Beste, was wir tun können. Sagte auch schon mein weiser Retter im Hubschrauber.


Unsere Berichte hier über die Wanderungen im Aosta-Tal standen bislang im Schatten dieser Bergrettung. So wie auch unsere Erinnerungen daran etwas davon überschattet werden. Das ändert jedoch nichts daran, dass dieses Tal an der italienisch-französischen Grenze wunderschön ist und ein Paradies für Wanderer. Die Wanderung vom Colle San Carlo ist herrlich, bietet ein wundervolles Panorama mit dem Mont Blanc und ist – ohne Schnee – eine technisch leichte, aber konditionell fordernde Wanderung. Auch nebenan, etwa im Nationalpark Gran Paradiso am Fuße des gleichnamigen Berges, kann man wunderbar wandern. Allerdings lieber ohne Hund, wie wir bei unserem Kurzbesuch im Nationalpark Gran Paradiso erlebten.

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